Über die Critical Mass – vom Trend zum Massenphänomen

Was ist die Critical Mass? Wie ein Trend zum Massenphänomen wird

Critical Mass Deutschland Logo 300x300Zehntausende radeln in aller Regel an jedem letzten Freitag im Monat im Pulk durch deutsche Städte. Laut Straßenverkehrsordnung genießen sie dann Sonderrechte. Radfahrer verschaffen sich so den Raum, den sie auch sonst auf Straßen für sich beanspruchen. Wie in einem Schwarm geht es quer durch die Innenstädte. Sobald die Critical Mass in Bewegung ist, ist alles offen. Tempo, Richtung, Ziel. Die Tour ergibt sich spontan an der Spitze. Und wer will, folgt. Anarchische Schwarm-Intelligenz nennen manche das. Banner oder Parolen gibt es nicht – dafür Spaß, Kommunikation und ab und an mal ein Bier zwischendurch…


Sicher hast auch Du bereits von der Critical Mass, also der kritischen Masse, gehört. Viele kennen den Begriff wohl eher aus der Atomphysik. Aber keine Sorge, das ist an dieser Stelle hier nicht das Thema. Die kritische Masse (Critical Mass) ist dann erreicht, wenn sich mindestens 16 Fahrradfahrer zusammentun und den übrigen Verkehr, na sagen wir mal mehr oder weniger lahmlegen. Dieses Phänomen gibt es mittlerweile in vielen deutschen Städten – und das regelmäßig. Und es ist völlig legal. Den Autofahrern hilft da nur eines: Geduld.

Warum gibt es die Critical Mass?

Fahrradfahren: Eine Herausforderung in deutschen Großstädten

Radfahren in deutschen Großstädten ist lebensgefährlich

Radfahrer haben kein leichtes Leben in deutschen Großstädten. Es mangelt an ausreichend Fahrfläche und vor allem an gegenseitiger Rücksichtnahme.

Fahrradfahren ist gesund, macht Spaß und schont außerdem unsere Umwelt. Damit ist das Zweirad das perfekte Fortbewegungsmittel für die Stadt. Wenn da nur nicht die Autofahrer – die natürlichen Feinde des Radlers – wären. Die Koexistenz ist insbesondere in Städten wie Berlin, Köln oder Hamburg inzwischen zu einem Kampf ums Überleben geworden. Eine kleine Unachtsamkeit genügt und der Fahrradfahrer zieht aufgrund der ungleichen Kräfteverteilung unweigerlich den Kürzeren.

Paragraph 1: Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme

Fahrrad Unfall Berlin - Tod im toten Winkel

Der erste Fahrradfahrer, der in 2015 im Berliner Straßenverkehr zu Tode kam – wieder ein Tod im toten Winkel, denn der Radfahrer wurde beim Rechtsabbiegen eines LKW überrollt und starb.

Es ist überlebensnotwendig, auf dem Rad mit höchster Konzentration durch den Verkehr zu manövrieren. Allerdings ist es nicht damit getan, selbst Vorsicht walten zu lassen, denn man muss  zusätzlich auch die Unachtsamkeit anderer Verkehrsteilnehmer einkalkulieren. Hinzu kommt, dass die Radwege oft nur unzureichend ausgebaut sind – mit der Folge, dass Zwei- und Vierräder sich an verkehrstechnisch heiklen Stellen unausweichlich in die Quere kommen müssen.

Critical Mass: Die Revolution der Radfahrer

Fahrradstadt Berlin jetzt! Freie Fahrt für Radfahrer auf der Berliner Stadtautobahn

Das wünscht sich doch jeder Radfahrer – die ganze Stadtautobahn Berlin wird zum Fahrradweg. Bildquelle: Timor Kodal

In Bonn tun sie es, in Hamburg, Frankfurt, Freiburg, Berlin, Köln oder auch Düsseldorf – in rund 50 Städten in ganz Deutschland treffen sich Radfahrer, die sich über das Internet verabreden, um kreuz und quer durch die Städte zu rollen, um den Autoverkehr auszubremsen. Critical Mass nennt sich dieses Happening, das offensichtlich mehr und mehr Anhänger findet. Immerhin treffen sich mittlerweile jeden Monat deutschlandweit bis zu 15.000 Teilnehmer. Sie wollen sich die Straße aneignen.

Critical Mass: Protest oder Passion?

Fahrradliebe - CM Berlin 29.05.2015

Die kritische Masse der Radfahrer ist nicht immer konfliktfrei unterwegs und hier und da enden die Aktionen auch schonmal im Chaos. Zum Beispiel dann, wenn die Spitze plötzlich links oder rechts rum fahren möchte. Das immer jemand anders die Richtung vorgibt, ist Teil des Konzepts. Chaos und Verwirrung werden in Kauf genommen. Wenn sich die Radfahrer dann alle anschließen, dann fährt der Pulk eben in diese oder jene Richtung. Das klingt in der Theorie einfach, zeigt sich in der Praxis jedoch auch chaotisch. Aber auch das gehört dazu. Es passiert während der Touren unglaublich viel und alle haben großen Spaß an der Gemeinschaft.

Wahrscheinlich ist gerade Letzteres ein guter Grund, warum die Bewegung über Jahre hin größer und größer geworden ist. Denn Generationen, die stets steigenden Reglementierungen, Restriktionen und Zielvorgaben ausgesetzt sind, entwickeln unterschwellig automatisch ein größeres Verlangen nach Freiheit und dem bekannten Gefühl: „Raus hier!“. Klingt vielleicht etwas pathetisch, ist aber auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Und so ist die breite Aktion der Fahrradfahrer in Deutschland nicht nur Zeichen des Protestes gegen die Zustände auf deutschen Strassen, sondern auch Ausdruck einer starken Gemeinschaft für Toleranz und Respekt. Manche sagen hierzu auch: „Friede, Freude, Eierkuchen!“

Ist die Critical Mass tatsächlich erlaubt?

Critical Mass Berlin Bike Up

Legal oder illegal – Streitfrage, wenn es um die Critical Mass geht

Eines ist klar, es ist nicht per se verboten. Es ist zumindest sehr sehr kreativ und stellt die Polizei natürlich an der einen oder anderen Stelle vor eine Herausforderung. Jedoch sieht die Polizei das Treiben größtenteils entspannt, da sie sich vor Herausforderungen, egal welcher Art, noch nie gescheut hat und mit professioneller Gelassenheit mit der Bewegung umgeht, wie sie selber verlautbaren lässt.

Große Alternativen hat sie auch nicht, denn die Radfahrer haben die Straßenverkehrsordnung auf ihrer Seite. Wie eingangs erwähnt genügt es, wenn mehr als 16 Personen zusammenkommen und somit einen Verband bilden. Die Radler können dann nebeneinander herfahren und gelten dann quasi als ‚ein Fahrzeug‘. Wenn der erste bei Grün fährt, darf der letzte sogar bei Rot noch über die Kreuzung. Auch benutzungspflichtige Radwege dürfen sie ignorieren. Mit der Critical Mass wollen die Radfahrer einmal im Monat ungehindert auf die Straße und einfach Spaß haben und sich an der Gemeinschaft erfreuen.

Wir sind auch Verkehr!

Kritische Masse per Pedales - Critical Mass Berlin

Wir sind auch Verkehr! Die Critical Mass Berlin am Start- und Sammelpunkt in Kreuzberg.

Die Radler wollen mit ihren Aktionen nicht bewusst stören bzw. wollen sie den Eindruck auch nicht vermitteln. Aber es gibt offensichtlich einen großen Bedarf und sie sind plötzlich eine riesengroße Zahl geworden – eine kritische Masse eben. Dabei kommt es naturgemäß an der einen oder anderen Stelle dazu, dass sie den Verkehr blockieren oder verlangsamen. Zumindest solange, bis der Verband den Straßenabschnitt gequert hat. Radfahrer sind eben auch Verkehr im klassischen Sinne und gehören zum Straßenbild. Und anders als zum Beispiel bei einer Demonstration gibt es bei der kritischen Masse weder eine geplante Route, noch einen Organisator oder Ansprechpartner. Mehrere Leute verabreden sich einfach über das Internet zu einem bestimmten Treffpunkt. Vor Ort sind dann alle gemeinschaftlich für die Critical Mass Aktion verantwortlich.

Das Bewusstsein für das Fahrrad schärfen

Neben dem Spaß an der Sache geht es den Teilnehmern auch darum, als Masse sichtbar zu sein, denn Radfahren ist in den meisten deutschen Städten im Alltag kein Vergnügen – es kann sogar richtig gefährlich und auch tödlich sein. Es geht den Radlern darum zu zeigen, dass sie eben keine gleichberechtigten Verkehrsteilnehmer sind bzw. nicht als solche wahrgenommen werden. Wege werden hemmungslos verbaut, zugestellt, zugeparkt oder schlichtweg blockiert. Mit Autofahrern würde man sich solch ein Vorgehen nicht erlauben. Obwohl Fahrräder mittlerweile 15% des allgemeinen Verkehrsaufkommens ausmachen, wird ihnen laut einer Studie der Agentur für clevere Städte nur eine Fläche von 3% zugestanden. Dabei hat sich der Fahrrad-Verkehr in den vergangenen 10 Jahren mehr als verdoppelt.

Auch die Politik sieht Verbesserungsbedarf und verweist fortwährend darauf, dass das Bewusstsein für das Fahrrad im Verkehr so wichtig ist. Radverkehr ist ein ganz selbstverständlicher Bestandteil des alltäglichen deutschen Verkehrs und entsprechend ist darauf Rücksicht zu nehmen. Damit endet aber auch schon wieder der politische Wille. Auf Worte folgen, wie so oft, wenig Taten.

Straßenkilometer kontra Radwegenetz

Die urbane Stadt von morgen

Stadt in Bewegung – neue Verkehrskonzepte sind gefragt. http://goo.gl/6H8Un6

Da es in der Praxis an der Rücksicht sehr oft mangelt, setzt beispielsweise die Berliner Polizei seit neuestem auf eine Fahrrad-Staffel. Die ist nicht nur dafür da, Rad fahrenden Verkehrsteilnehmern besser beizukommen, sondern sie soll vom Rad aus auch einen besseren Blick für die Belange der Radfahrer entwickeln. Das ist durchaus ein löblicher Ansatz, denn ein „berittener“ Radfahrer sieht den Straßenverkehr aus der gleichen Perspektive, wie seine „Zielgruppe“ – eben die anderen Fahrrad-Fahrer. Er bemerkt eher, wenn ein Radweg beispielsweise zugeparkt ist, als man es vom PKW aus sehen würde bzw. wahrnehmen würde. Auch bauliche Mängel, die man als Fahrzeugführer garnicht mitbekommen würde, können wesentlich früher erkannt werden. So kann man als Rad fahrender Polizist auch durchaus viel mehr und eher darauf eingehen.

Die 20 Rad fahrenden Polizisten in Berlin sind ein Anfang und befinden sich in einem Pilotprojekt. Berlin hat 5400 Straßenkilometer – das Radwegenetz endet bereits nach 200 Kilometern. Ganz klar, dass es auch weiterhin einen steigenden Bedarf am Radfahren geben wird – überall in Deutschland. Bis aber das Ziel eines gegenseitigen respektvollen Umgang im Straßenverkehr zwischen Autofahrern, Radfahrern und auch Fußgängern geben wird – solange wird sich wohl auch weiterhin die kritische Masse auf 2 Rädern regelmäßig zusammenfinden. Mit Gelassenheit im Straßenverkehr kommt man eben immer noch am besten ans Ziel – egal ob mit dem Auto oder mit dem Fahrrad.

Zusammenfassung
Über die Critical Mass - vom Trend zum Massenphänomen #criticalmass
Titel
Über die Critical Mass - vom Trend zum Massenphänomen #criticalmass
Beschreibung
Was ist Critical Mass? Warum und seit wann gibt es die Critical Mass? Über die kritische Masse per Pedales und das Massenphänomen der Radfahrer. #cm-ueber
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  1. Jetzt hab ichs auch geschnallt. Spaßige Sache in jedem Falle! Macht weiter so! 😀 Carlo

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